VON DER REDAKTION

In Unpacking haben alle Platz

Die Entwicklerin Wren Brier sorgt spielerisch für Barrierefreiheit.

Das mit einem App Store Award ausgezeichnete Spiel Unpacking befasst sich mit einem zentralen Teil des Erwachsenwerdens – dem Aus- und Umzug – und verwandelt diesen oftmals sehr stressigen Prozess in einen meditativen Puzzler. Kein Wunder also, dass das Team dahinter großen Wert auf ein barrierefreies Design legte, um so viele spielbegeisterte Menschen wie möglich zu erreichen.

„Millionen von Menschen mit Behinderung haben Lust, zu spielen“, erklärt Wren Brier, Creative Director von Unpacking. „Mit einfachen, aber durchdachten Designentscheidungen ist es nicht schwer, auf ihre Bedürfnisse einzugehen.“


Von einfach geschnittenen Schlafzimmern bis hin zu verwinkelten Küchen – in verschiedenen Räumen stellst du dein Einrichtungsgeschick unter Beweis.

Ständige Weiterentwicklung

Das Spielprinzip von Unpacking ist simpel: Du packst Kleidung, Bücher, Schmuck und andere Sachen aus verschiedenen Kartons aus und suchst in bezaubernden Pixel-Art-Räumen den perfekten Platz dafür. Dabei geht es weder um Zeit noch Punkte, und schnelle Reflexe verschaffen dir auch keinen Vorteil.

Jedes Puzzle erlaubt außerdem flexible Herangehensweisen. Die T-Shirts legst du gefaltet in eine Schublade oder hängst sie im Schrank auf, während du die Bücher ins Regal stellst oder auf einem Couchtisch stapelst. Um ein Level abzuschließen, gibt es mehr als nur eine richtige Lösung.

„Das Design war an sich schon ziemlich barrierefrei“, so Brier. „Aber wir dachten uns: ‚Warum gehen wir nicht noch stärker in diese Richtung?‘“

Gesagt, getan.

Bildbeschreibung: Brier und Tim Dawson, Technical Director von Unpacking und Mitgründer des Indie-Studios Witch Beam, befinden sich inmitten von Umzugskartons. Im Vordergrund sind Illustrationen aus dem Spiel zu sehen: eine Wärmflasche, Schmerzpflaster und verschiedene Medikamente.

Beispielweise verzichtet das Spiel auf wichtige Hinweise in akustischer Form, damit auch Gehörlose und Menschen mit Hörbehinderung von der Gesamterfahrung profitieren. Eine praktische Zoomfunktion erleichtert es Menschen mit Seheinschränkung, die bezaubernde 8-Bit-Grafik in ihrer vollen Pracht zu bewundern.

Millionen von Menschen mit Behinderung haben Lust, zu spielen. Mit einfachen, aber durchdachten Designentscheidungen ist es nicht schwer, auf ihre Bedürfnisse einzugehen.

Bei Bedarf änderst du sogar die Farbe der roten Linie, die immer dann erscheint, wenn du die Gegenstände am falschen Ort platziert hast. „Vielleicht erkennst du die Farbe nicht oder sie löst inneren Stress aus“, erläutert Brier.

Die Community hat ebenfalls ihren Beitrag zum Spiel geleistet. Ein Sonderpädagoge gab zu bedenken, dass die Rätsel für manche aus seiner Klasse vielleicht zu kompliziert sind. Also ergänzte das Team einen optionalen Modus, bei dem du auf jeden Fall weiterkommst – unabhängig davon, wo du die Sachen hinstellst.

„Wenn du die Räume nur dekorieren möchtest, schaltest du ihn ein – so kommen alle in den Genuss der Geschichte“, meint Brier.

Bildbeschreibung: Brier sitzt an einem Schreibtisch, hat eine gemusterte Bluse an und trägt eine Brille mit rotem Gestell. Im Vordergrund sind Illustrationen aus dem Spiel zu sehen: eine Duschmatte, ein Handgelenkschoner und ein Gehstock.

Die persönliche Komponente

Je weiter du in Unpacking vorankommst, desto mehr geben die Habseligkeiten über die abwesende Protagonistin preis – ob die Fußballpokale in ihrem Kinderzimmer oder die Kunstutensilien in ihrem heimischen Büro.

In späteren Levels packst du Pillenfläschchen, Handgelenkschoner, einen Gehstock und ähnliche Gegenstände aus, über die du mehr zu ihrem Gesundheitszustand erfährst – und die alle einen direkten Bezug zu Briers eigenem Leben haben. Als die Arbeit an Unpacking im Jahr 2019 gerade richtig in die Gänge kam, erhielt sie die Diagnose Multiple Sklerose – kurz: MS.

„Das war sehr beängstigend“, erinnert sich Brier. „Ich fragte mich, ob damit alles ruiniert wäre. Was würde das für mein Leben bedeuten?“

Zum Glück ist die moderne Medizin in der Lage, das Voranschreiten von MS drastisch zu verlangsamen und sowohl die Häufigkeit als auch die Schwere der Symptome zu mindern. Auch bei Brier schlägt die Behandlung gut an.

„Nachdem ich realisiert hatte, dass dies nicht das Ende der Welt bedeutet, dachte ich sofort: ‚Diese Erfahrung möchte ich ins Spiel einbinden.‘“

Brier lebt mit ihrer MS, aber die Erkrankung definiert sie nicht. In gleicher Weise handelt auch die Reise in Unpacking „nicht von einem Menschen, der immer kränker wird“, fügt Brier hinzu. „Es geht um eine Person, die zufällig an etwas erkrankt ist, mit dem sie umgehen muss. Dabei gibt es natürlich bessere und schlechtere Phasen.“

Wir bekommen sehr oft Rückmeldungen wie diese: ‚Zum ersten Mal wird dieser Teil von mir gezeigt; ich habe mich noch nie so wahrgenommen gefühlt.‘

Die Repräsentation von Behinderungen in Unpacking fand in der Spielcommunity besonders bei den Mitgliedern großen Anklang, die selbst mit einer chronischen Erkrankung oder unzureichender Barrierefreiheit zu tun haben.

„Wir bekommen sehr oft Rückmeldungen wie diese: ‚Zum ersten Mal wird dieser Teil von mir gezeigt; ich habe mich noch nie so wahrgenommen gefühlt‘“, berichtet sie. „Zu wissen, dass jemand dich gesehen und an dich gedacht hat und einen Menschen wie dich repräsentieren wollte – das gibt Kraft.“