BEWUSSTSEIN FÜR BARRIEREFREIHEIT

Apps als Sprach-Support

Innovative Apps eröffnen neue Kommunikations- und Lebenswege.

Über die letzten 30 Jahre hinweg haben digitale Tools im Bereich Augmentative Alternative Communication – kurz AAC, auf Deutsch Unterstützte Kommunikation oder kurz UK – den Menschen geholfen, die nicht auf ihre Fähigkeit zu Sprechen zurückgreifen können, ein unabhängiges Leben zu führen und ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Im Rahmen des Global Accessibility Awareness Day erläutern drei namhafte AAC-Verfechter:innen in ihren eigenen Worten, wie es ihnen mithilfe von Apps gelang, Communities aufzuklären und das System zu ändern.


Aloysius Gan
Goldmedaillengewinner in Boccia bei den Para Games
Singapur

Bild: Aloysius Gan, der ein weißes Hemd trägt, schaut auf ein iPhone, das auf einem Ständer steht.

Bereits im Alter von 3 Jahren konnte ich aufgrund fehlender Koordination der Zungenmuskulatur abgesehen von einfachen Lauten wie „Papa“ und „Mama“ keine anderen Worte aussprechen. Wenn meine Familie mich etwas fragte, habe ich normalerweise nur genickt oder mit dem Kopf geschüttelt, um mich auszudrücken.

Als ich älter wurde, sahen mich einige Menschen komisch an, weil ich immer noch in einem Kinderwagen saß. Sie nahmen vermutlich an, ich sei verwöhnt oder einfach zu faul, um zu laufen. Da ich mit anderen Menschen nicht richtig sprechen konnte, hatte ich keine Möglichkeit, mich zu verteidigen oder zu erklären.

Deshalb begann meine Mutter, nach Kommunikationsmöglichkeiten für mich zu suchen. Sie fand eine spezielle Tastatur namens IntelliKey, die mit einem Computer verbunden war. Ich machte damit meine Hausaufgaben und beantwortete Fragen in Prüfungen.

Doch die Tastatur war sehr klobig und unpraktisch. Ich suchte nach etwas, das sich mit einem iPhone oder iPad verbinden ließ. Dann wurde mir die App Proloquo2Go AAC vorgestellt, mit deren Hilfe ich mit anderen Menschen sprechen konnte.

Bild: Ein Screenshot aus Proloquo2Go, der ein Raster mit Worten und begleitenden Illustrationen zeigt. Die Wörter sind farblich gekennzeichnet, um sie leichter zu finden. Die Nutzer:innen tippen auf die Wörter und bilden damit Sätze, die dann von der App laut vorgelesen werden.

Zu Beginn war es wirklich schwierig, da ich viel Zeit damit verbrachte, die Optionen zu durchsuchen und die richtigen Antworten auf Fragen zu finden. Ich erstellte neue Schaltflächen, um das auszudrücken, was ich gern sagen würde.

Ich musste viel ausprobieren, doch inzwischen kann ich mit der App meine Boccia-Teammitglieder durch die Aufwärmphase führen.

Bild: Zwei Fotos von Aloysius Gan. Auf dem oberen Foto schaut er auf ein iPhone, das auf einem Ständer montiert ist. Das untere Foto zeigt ein iPhone mit geöffnetem Proloquo2Go; Gan schaut auf das Raster der Tasten und Symbole der App.

Kürzlich musste ich meine Eltern davon überzeugen, mich einen öffentlichen Bus nehmen zu lassen, um zur Schule und wieder nach Hause zu kommen. Die Lehrer:innen und meine Eltern hatten mich auf genau dieser Strecke bereits viele Male begleitet, doch sie hatten noch nicht das Gefühl, ich könnte es allein schaffen.

Mithilfe von Apps wie Life360, die Familien mit aktuellen Ortungsdaten versorgt, und SBS Transit, die App für den öffentlichen Nahverkehr in Singapur, gelang es mir endlich, sie davon zu überzeugen, es mich allein versuchen zu lassen.

Besonders stolz war ich in dem Moment, als ich meiner Mutter schreiben konnte, „Ich habe die Schule erreicht, ganz allein“.

Gans Tipps für Proloquo2Go

Ich rate neuen Nutzer:innen vor allem, zuerst eine Liste mit häufig verwendbarem Vokabular zu erstellen, beispielsweise mit Worten wie „Hallo“ und „Danke“.

Erstelle separate Ordner für jede Aktivität. Ich habe beispielsweise einen Ordner als Leiter für die Aufwärmphase des Teams. Einen weiteren Ordner habe ich für Bewerbungsgespräche erstellt.


Jordyn Zimmerman
Erzieherin, Referentin, Mitglied im President’s Committee for People with Intellectual Disabilities
USA

Bild: Jordyn Zimmerman trägt ein blaues Shirt, sitzt an ihrem Schreibtisch im Büro und tippt auf ihrem iPad.

Von früher Kindheit an wuchs ich mit Autismus auf und wurde unzähligen Spezialist:innen vorgeführt. Meine Eltern erzählen mit Zurückhaltung von dieser Zeit und beschreiben mich als eine sehr anhängliche und zurückgezogene Person. Da ich große Schwierigkeiten in der Kommunikation hatte, nahmen die Leute an, ich wollte nicht in der Gesellschaft anderer sein und hätte nichts beizutragen.

Im Laufe der Zeit wurden die Dinge noch komplizierter. Meine Emotionen stauten sich täglich auf und machten sich nur durch „herausforderndes“ Verhalten bemerkbar. Ohne zuverlässige Möglichkeit, mich mitzuteilen, empfand ich nie so etwas wie Zugehörigkeit.

Inzwischen habe ich das College mit einem Master abgeschlossen und arbeite mit Schulen zusammen, bin Mitglied in diversen Gremien und habe einen Sitz in einem Presidential Committee. All die Apps, die ich täglich verwende, sind entscheidend für meine täglichen Handlungen.
– Jordyn Zimmerman

Doch in mir gab es noch so viel mehr. Ich hatte eine sehr dynamische Art zu denken und hatte Gedanken, die niemand vermutet hätte. Ungeachtet dessen, was die Menschen von mir dachten, war ich eine vollständige Person. Ich beobachtete jeden Moment, jede Person, die mit mir interagierte oder genau das unterließ, und die systemischen Barrieren um mich herum. Mein Körper und Geist sehnten sich nach Interaktion und Stimulation.

Im Januar 2014 wurde mir dann das iPad vorgestellt. Ich saß zwischen einem gesetzlichen Beistand der Protection and Advocacy-Agentur, der meine Rechte vertrat, und meiner Mutter. Langsam begann ich, Bilder zu berühren und meine Erfahrungen mitzuteilen.

Bild: Zwei Fotos mit Jordyn Zimmermans Händen, wie sie Proloquo2Go AAC für Apple Watch und iPad verwendet. Die Apple Watch zeigt Wörter, aus denen Zimmermann auswählt und Sätze formt. Das iPad zeigt die Split View-Ansicht von Proloquo2Go, in der links farblich gekennzeichnete Sätze und rechts bestimmte Wörter gezeigt werden.

Über Proloquo2Go und dann Proloquo4Text zu kommunizieren, änderte alles. Ein iPad in Verbindung mit einer Kommunikations-App ist eine wirklich effektive Kombination. Es ermöglicht Zugang zu einem grundlegenden menschlichen Bedürfnis und Recht – der Kommunikation.

Gerade als ich mich durch einen Gedanken navigiert hatte erkannte ich, dass damit so viel mehr zusammenhing, was ich seit Jahren nicht hatte teilen können. Es wurde mir nicht nur bewusst, dass ich in der Lage sein musste, mit Menschen zu interagieren, denen mein Erfolg oder Misserfolg völlig gleichgültig war, ich wollte auch eine Fürsprecherin sein – nicht nur für mich, sondern auch für andere.

Zimmermanns essenzielle Apps

Zunächst eignete ich mir recht gute Fähigkeiten im Umgang mit Proloquo2Go an, doch ich wollte mehr. Proloquo4Text kombinierte das Tippen auf einer Tastatur mit einer Liste gespeicherter Satzsymbole. Inzwischen kommuniziere ich damit von morgens bis abends! Der gespeicherte Verlauf und die Möglichkeit, zu einer Unterhaltung zurückzukehren, sind entscheidende Nuancen in einer Unterhaltung, die den Menschen gar nicht bewusst sind.

Bild: Ein Screenshot von Proloquo4Text. Auf der linken Seite des Bildschirms befindet sich ein Menü mit unterschiedlichen Kategorien. Auf der rechten Seite stehen bestimmte Wörter. In der Mitte des Bildschirms befindet sich ein Texteingabefeld.

Für die Zusammenarbeit mit anderen verwende ich Freeform, eine App für visuelle Zusammenarbeit und Brainstorming auf dem iPad Pro. Damit organisiere ich nicht nur meinen Tag, sondern teile auch einen Raum mit Freund:innen zum Kritzeln, Schreiben und Diskutieren von Reisen bis hin zu schwerwiegenden Themen.


Bradley Heaven
Mitgründer, All Access Life
Kanada

Bild: Bradley Heaven blickt auf sein iPad, das auf einem Arm in Augenhöhe positioniert ist.

Bei meiner Geburt wurde mein Gehirn mit zu wenig Sauerstoff versorgt, was zu einer nonverbalen dyskinetischen Zerebralparese führte.

Es gibt verschiedene Arten der Zerebralparese und jede:r ist anders davon betroffen. Ich leide an der schwersten Ausprägung. Meine Diagnose beinhaltet Schwierigkeiten in der Sprach- und Bewegungskontrolle sowie der Körperhaltung. Ich kann nicht sprechen und werde für den Rest meines Lebens an den Rollstuhl gebunden sein. Ich brauche bei alltäglichen Aufgaben Unterstützung, beispielsweise beim Anziehen, Zähneputzen, Essen, Toilettengang und Duschen.

Meine Diagnose war absolut furchteinflößend für meine Familie, besonders für meine Eltern. Sie wussten nicht, wie mein Leben verlaufen würde oder ob ich verstehen könnte, was um mich herum passiert. Als ich im Alter von drei Jahren beim Film „Cap und Capper“ weinen musste, als die alte Frau den Fuchs im Wald freiließ, wussten meine Eltern, dass ich fähig war, zu verstehen!

Bild: Zwei Fotos von Bradley Heaven. Das obere Bild zeigt einen Blick über die Schulter auf Heavens iPad an einem Schwingarm, mit der App TD Talk sichtbar auf dem Display. Das untere Bild zeigt Heavens iPad angedockt an einem System, das zeigt, was er in TD Talk eingegeben hat.
Als ich Kommunikations-Apps entdeckte, erkannte ich sofort, wie hilfreich sie waren.
– Bradley Heaven

Mein erster Kontakt zur Welt der unterstützten Kommunikation bestand in einem technisch sehr simplen Kommunikationsbuch. Jemand unterstützt mich durch Deuten auf bestimmte Symbole und ich signalisiere durch Kopfnicken oder -schütteln, ob das entsprechende Symbol ausgewählt wird.

Auch auf der Ablage meines Rollstuhls befanden sich einige Symbole, auf die ich durch gezielte Blicke auf grundlegende Notwendigkeiten aufmerksam machte: Ich muss auf die Toilette, ich bin durstig, ich bin hungrig, ich fühle mich nicht wohl und Ähnliches. Ich fand es großartig, mich ausdrücken und die Menschen in meiner Umgebung wissen lassen zu können, was ich gerade dachte.

In meiner Kindheit und Jugend dachten die Menschen, ich könne sie nicht verstehen, da ich nicht in der Lage war zu sprechen. Das führte dazu, dass die Menschen eher mit meiner Begleitperson sprachen als direkt zu mir. Oder sie sprachen sehr langsam und in einer Art Babysprache. Das war äußerst frustrierend.

Zu meinen größten Herausforderungen zählte der hohe zeitliche Aufwand beim Kommunizieren. Einen Satz wie „Hallo, mein Name ist Bradley“ einzugeben, dauerte beispielsweise etwa drei Minuten.

Als ich Kommunikations-Apps entdeckte, erkannte ich sofort, wie hilfreich sie waren. Endlich war ich in der Lage, mich selbstständig auszudrücken, wenn ich es wollte. Ich konnte mir Seiten mit Dingen zusammenstellen, die ich schnell sagen musste, und andere zu meinen Lieblings-TV-Sendungen oder Schulthemen erstellen. Kommunikations-Apps ermöglichten es mir, mich so auszudrücken, wie ich wollte.

Bild: Ein Screenshot der TD Talk-App mit Tastatur und Schaltflächen für vorgefertigte Sätze.

Ich nutze zur Kommunikation hauptsächlich TD Talk. Es verfügt über eine Standard-Tastatur mit QWERTY-Belegung und vier Schaltflächen für Wortvorschläge. Ich habe beispielsweise „Ja“ und „Nein“ auf meiner Hauptseite, damit ich schnell antworten kann.

Die übrigen zehn Schaltflächen verwende ich für Präsentationen oder YouTube-Videos. Ich tippe meine Zeilen im Voraus und speichere sie auf diesen zehn Schaltflächen. Danach muss ich lediglich die gewünschte Schaltfläche betätigen und die ganze zuvor eingegebene Nachricht wird abgespielt.

Letztes Jahr war TD Talk für mich bei Zoom-Meetings besonders wichtig. Da ich eine Non-Profit-Organisation namens All Access Life leite, deren Ziel es ist, Menschen mit Einschränkungen das bestmögliche Leben zu bieten, bin ich häufig in Geschäftsbesprechungen auf Zoom. Ich teile meinen Bildschirm mit den Teilnehmenden, damit sie meine Eingaben in TD Talk sehen können. Das hat die Kommunikation für mich wesentlich vereinfacht. Zu wissen, dass die Teilnehmenden sehen, was ich eintippe, nimmt den Stress aus der Situation. Ich fühle mich nicht gehetzt und gezwungen, meine Gedanken schnellstmöglich zu formulieren. Sie sehen, ob ich gerade etwas eintippe und geben mir Zeit, um zu antworten.

Eine der denkwürdigsten Unterhaltungen, die ich mit TD Talk hatte, war das Gespräch mit jemandem aus Orlando, der ebenfalls auf AAC-Tools angewiesen war. Wir waren sofort auf einer Wellenlänge! Wir machten Witze und lachten ausgelassen. Es war eine so mitreißende Unterhaltung, dass sich eine Menschenmenge um uns herum zusammenfand, die uns bei unserer Interaktion beobachtete. Er nutzte TD Snap und ich TD Talk. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Wir sprechen immer noch regelmäßig miteinander.

Wir leben in einer Generation, in der uns Technologie und Tools zur Verfügung stehen, um erfüllte Leben zu führen. Folge deiner Leidenschaft und deinen Träumen. Es gibt keine Grenzen!

Einige Apps sind in manchen Regionen eventuell nicht verfügbar.